Stoff für den Sommer

CC Clara Fritsch, Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek

Überwachungs-Dystopien als beliebte Themen in Romanen und Krimis

herausgekommen seit 2010

„1984“ ist lange vorbei. In George Orwells berühmter, für heutige Lesegewohnheiten langatmigen Geschichte vom alles beobachtenden Großen Bruder, funktioniert die Überwachung mit vergleichsweise einfachen technischen Mitteln; Message per Rohrpost, Parolen per Bildschirm oder hinter Spiegeln versteckte Beobachter. Die Technologien zur Überwachung sind seitdem ins Unermessliche gewachsen. Big Brother hat viele Gesichter erhalten. Die Zukunft steckt voller hilfreicher, allzeit verfügbarer, leistbarer, praktischer, selbst-lernender, Entscheidungen beeinflussender, digitaler Programme. Wie wird diese Zukunft aussehen? Entscheidest du noch selbst oder ist die algorithmische Kontrolle schon so fortgeschritten, dass die Zukunft ohnehin vorprogrammiert ist? Wer möchte Einfluss auf wen ausüben und zu wessen Nutzen? Wer möchte den Sommer gerne mit Belletristik zu Künstlicher Intelligenz und Co verbringen, bitte weiterlesen.

die Newcomerin: Barbara Wimmer: Tödlicher Crash

Barbara Wimmer schreibt in ihrem Brotberuf bei der futurezone zu Netzpolitik, Künstlicher Intelligenz und vielen anderen Themen im Zusammenhang mit Digitalisierung. Ihr erster Krimi ist 2018 erschienen. Darin hat die Journalistin selbstfahrende Autos, selbstlernende Kuhställe, überwachte Internet-Aktivist*innen und eine verratene Freundschaft miteinander verpackt. „Tödlicher Crash“ ist dabei herausgekommen. War es Absicht, dass der aus Oberösterreich stammende Finanzminister im neuesten Modell des selbstfahrenden Autos zu Tode gekommen ist? Warum war ausgerechnet seine in Geldnöten steckende Schwägerin so rasch am Unfallort? Gibt es überhaupt Verantwortliche für die Selbst-Fahrt in den Tod? Das möchte die Journalistin einer wenig niveauvollen Zeitung herausfinden, wobei der Chef ihr alles andere als hilfreich zur Seite steht. Klassisches Personal (schlanke blonde intelligente Journalistin im Doppelpack mit nedrigem IT-Underdog und mysteri(b)ösen Hintermännern) und ein Plot, in dem der technische Fortschritt vor der Landidylle nicht Halt macht (der vollautomatisierte Kuhstall beschert den Kühen das richtige Futter, die richtige Melkzeit und überhaupt ganz viel Glück und bei „technischen Problemen“ dann den Freilauf im Dorf ). Das Ermittlerpärchen bekommt natürlich heraus, wie das alles zusammenhängt.

In Barbara Wimmers nächsten Krimi ist der Algorithmus nicht mehr nur Entscheidungsträger über das Glück der Kühe, sondern darüber, wer als Zulieferer arbeiten darf – und wer den Job verliert. Kürzlich postete die Autorin:

Vom Algorithmus gefeuert? Längst keine Dystopie mehr. Und ich verrate euch jetzt ein kleines Geheimnis: Mein nächster Krimi (der im Herbst 2022 erscheinen wird) behandelt diese schöne, neue Welt, wo Maschinen unsere Arbeit tun bzw. über unser Fortkommen im Job entscheiden.

Barbara Wimmer auf facebook am 30.6.2021

der Alteingesessene: Marc Elsberg: Zero

Der aus Wien stammende Spiegel-Bestseller-Autor Marc Elsberg hat mit „Zero 2014 zur Diskussion um Predictive Analytics seinen Beitrag abgeliefert. Auch hier ist die Hauptdarstellerin eine Journalistin, die ihrem Chef erst beweisen muss, dass sie eine wertvolle Mitarbeiterin ist, und die sich dabei selbst in die Bredouille beziehungsweise die verschlammten Untiefen der Wiener sowie der New Yorker Kanalisation bringt. Sie kann es nicht glauben, dass es sich um einen Zufall handelt, wenn bei Nutzer*innen der Selbstoptimierungs-App „FreeMe“ eine gewisse Übersterblichkeit vorliegt. Eindeutiges Plus ist das Lokalkolorit aus dem Wiener Museumsquartier samt einer Verfolgungsjagd im Dritte-Mann-Style.

Wer sich nicht an Charakteren mit wenig Tiefenschärfe (die alleinerziehende Mutter bringt jedes Opfer, die Jugend rennt nur der Selbstdarstellung nach und der Inder ist der Schlauste und Schönste) sowie einer wenig stilvollen Sprache stört und mehr Wert auf eine packende Erzählung und technische Abläufe legt, kann sich über einige genüssliche Lesestunden freuen.

Klappentext Emma Braslavsky

die Kritische: Emma Braslavsky: Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten

Was, wenn die beste Polizistin der Stadt eine einzigartige, hochspezialisierte, geschlechtslose KI ist und was, wenn das Zusammenleben in Berlin am besten als Mensch-Maschine-Paar-Beziehung funktioniert, wobei die optisch perfekt dem Menschen gleichende Maschine genau auf die Bedürfnisse des Menschen abgestimmt wurde? Aber warum steigt dann die Selbstmordrate in diesem ach so idealen Leben exorbitant? „Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten“ stellt sich genau diesen – durchaus verstörenden – Fragen und noch einigen mehr. Wie gut ist das Leben in der Illusion, wer bestimmt die eigene Identität und wie sehr läuft der Mensch Idealen hinterher? Emma Braslavsky behandelt diese Fragen in ihrem 2019 erschienenen Roman mit feiner Spitze und Tiefgang.

der Klassiker: Dave Eggers: The Circle

Der Klassiker unter den Überwachungs-Dystopien stammt aus dem Textverarbeitungsprogramm (formaly known as „Schreibfeder“) von Dave Eggers aus dem Jahre 2013. Der Roman „The Circle“ handelt von einer rasch ins Management aufsteigenden jungen Call-Center-Mitarbeiterin, die sich der vielfältigen Fänge ihres Arbeitgebers schlussendlich nicht mehr erwehren kann. Mit viel Zuckerbrot in Form von Likes, Lob und Liebesbeweisen schreitet ihre Karriere voran und sie erhält immer tiefere Einblicke in die Machenschaften des Unternehmens. Spätestens bei der betrieblichen Gesundheitsversicherung, die nur für Familienmitglieder leitender Angestellter im Austausch gegen Gesundheitsdaten gilt, wird klar, dass in diesem Konzern kein Platz für Privatsphäre ist. Ein Schelm, wer bei dieser Gemengelage aus Zielvorgaben, Bewertungen, Prämien, „empfohlenen“ Freizeit-Gruppen und work-life-Verschmelzung an bestehende Konzerne denkt.

Leicht lesbare Kost mit einem spannenden Plot (der zugegeben im Keller, beim Aquarium des Firmengründers mit riesiger Fischpopulation dann doch etwas überladen wird), einer illustren Personalausstattung (naive und neugierige, kritische und kreative, intrigante und intelligente Geister) und mit viel emotionaler Spannung gewürzt.

CC Clara Fritsch, Strandkorb mit Lesestoff

der Genial-Witzige: Marc-Uwe Kling: Qualityland 1 + 2

Wer der Zukunft ironische Seiten abgewinnen will, ist bei Marc-Uwe Kling genau richtig. In „Quality Land“, wo Menschen nach ihrem sozialen Level beurteilt werden, wo die Nachnamen durch den Beruf der Eltern bestimmt sind, wo eine KI als aussichtsreicher Präsidentschaftskandidaten wahlkämpft, wo Werbung allgegenwärtig ist und ungefragt rosane Vibratoren in Delfin-Form zugeschickt werden, ist es schwierig, selbige wieder loszuwerden. Dazu braucht der Protagonist Peter Arbeitsloser dringend Hilfe von einer Crew aus nicht mehr ganz einwandfrei funktionstüchtigen KIs, wie einer Drohne mit Flugangst und einer schriftstellerischen KI mit Schreibhemmung. Perfekt für Freund*innen des intelligenten Humors. Sehr unterhaltsam auch die Zwischenseiten mit einem undifferenzierbaren Mischmasch aus Kommentaren, Influencer*innen-Content, der Talkshow mit Julia Nonne und News aus aller QyalityLänder von Sandra Admin.

Wer die zwei Bände über Peter Arbeitsloser, der in Band 2 vom Maschinenverschrotter zum Maschinentherapeuten „aufsteigt“, direkt beim online-Shop des Autors bestellt, spendet für einen guten Zweck (wofür genau wird auf der Website transparent gemacht) und kann sich den ersten Band auch gleich in der Comic-Version mitnehmen.

Wer die Bücher in der Fachbuchhandlung des ÖGB bestellt, macht auch nix falsch.

Wer Tipps für spannende Lektüre abgeben möchte, nur zu.

Viele vergnügliche Lesestunden und einen ebensolchen Sommer!

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